Fahrgastzahlen und Home Office

Veröffentlicht am 18. März 2024 um 08:57

Aktualisiert am 24.04.2024. Änderungen siehe Tabelle am Ende.

 

Im Internet kursieren die verschiedensten Aussagen zu den Fahrgastzahlen der Stadt-Umland-Bahn. Nach den Kritikern würden die Fahrgastzahlen deutlich zu hoch berechnet, eine Straßenbahn würde sich bei den Fahrgastzahlen des Busses nicht lohnen.

 

"Die Grundlage für den Aufbau eines ÖPNV - Verkehrssystems sollten ja die Fahrgastzahlen sein und kein Wunschdenken. Laut Nahverkehrsplan Erlangen fahren aktuell von Nürnberg nach Erlangen max. 4000 Menschen mit den ÖPNV auf den Linien entlang der B 4 Von Erlangen nach Herzogenaurach fahren max. 1300 Personen mit den ÖPNV. Für solche Fahrgastzahlen kann man, wenn man es sich leisten kann, eine Starßenbahn bauen. Man kann dieses Verkehrsaufkommen aber auch noch ganz gut mit Bussen bedienen."

*Instagram-Post von CSU-Bürgermeister Jörg Volleth vom 13.03.2024, in den Kommentaren.

 

Befürworter hingegen kritisieren, dass die Fahrgastzahlen im Vergleich zu anderen Projekten zu niedrig sind. Ebenso wird kritisiert, dass der durch Corona und Home Office bzw. Mobile Office bedingte Rückgang der Fahrgastzahlen nicht berücksichtigt sei.

 

Einordnung von Jörg Volleths Kommentar

Jörg Volleth argumentiert, das sich auf Basis der Fahrgastzahlen des Busses keine Straßenbahn lohnen würde. Die Zahlen passen zu der Querschnittsbelastung im Erlanger Nahverkehr aus dem Nahverkehrsplan der Stadt Erlangen [NVP_Erlangen_2016, S. 32.] oder aus der Aktualisierung der NKU der StUB aus 2015 [NKU_STUB_2015, S. 5.]. Fahrgaststeigerungen durch die Systemumstellung von Bus auf Straßenbahn, u.A. durch den Schienenbonus, sind hier nicht berücksichtigt.

Berechnete Querschnittsbelastung der StUB

Die letzte mir bekannte Veröffentlichung der Querschnittsbelastung der StUB stammt ebenfalls aus der Aktualisierung der NKU von 2015. In neueren Veröffentlichungen des Zweckverbandes waren diese meines Wissens nach nicht mehr enthalten, die Aktualisierung der NKU aus 2023 ist Stand jetzt (24.04.2024) noch nicht veröffentlicht wurden.

 

Da wir so jedoch zumindest Daten auf dem gleichen Datenstand vergleichen und einordnen können, liste ich im folgenden die Querschnittsbelastungen von StUB und Bus auf den nachfolgenden Abschnitten zusammen mit der jeweiligen Fahrgaststeigerung auf.

Fahrgastzahlen StUB nach [NKU_STUB_2015, S. 5.], Angabe jeweils in 1.000 Persf./Tag (Summe aus Richtung und Gegenrichtung]). Für die StUB verwende ich den jeweils am geringsten belasteten Teilabschnitt an, für den Bus den höheren der angegeben Werte auf dem gleichen Teilabschnitt.

Die Fahrgastzahlen der StUB enthalten dabei nicht die Fahrgastzahlen ggf. im Abschnitt zusätzlich verkehrender Buslinien. So ergibt sich im Stadtbereich Erlangen tendenziell eine Verzerrung der Fahrgastzahlen zu Gunsten des Busses.

Abschnitt Bus StUB Steigerung
Am Wegfeld - Boxdorf (Buch Nord - Boxdorf) 5,8 8,1 +39,7%
Boxdorf - Reutles (Moosäcker Straße - Reutleser Straße) 4,5 6,7 +48,9%
Reutles - Tennenlohe (Reutleser Straße - Tennenlohe Süd) 2,5 6,2 +148%
Tennenlohe - Erlangen Süd (Tennenlohe Nord - Erlangen Süd) 4,1 7,8 +90,2%
Erlangen Süd - Ohmplatz (Stinzigstraße - Ohmplatz) 8,9 9,9 +11,2%
Ohmplatz - Werner v. Siemens-Straße 9,9 11,0 +11,1%
Werner v.- Siemens-Straße - Arcaden/Bahnhof (Neuer Markt - Arcaden) 12,5 11,3 -9,6%
Bahnhof - Büchenbach (Schulzentrum West - Odenwaldallee) 4,4 9,2 +109,1%
Büchenbach - Herzobase (Häusling - Hauendorf - Herzobase)* 4,9
Herzobase - Herzogenaurach Zentrum (Glockengasse - Bahnhofsstraße) 1,2 2,9 +141,7%
Durchschnitt* 5,4 7,1 +31,5%

*Für diesen Abschnitt liegen aus 2015 keine Daten für den Busverkehr. Der Durschnitt beim Bus wird dementsprechend für 10 Abschnitte anstatt 11 berechnet.

 

Fahrgastzahlen im Vergleich zu anderen ÖPNV-SPNV-Projekten

Um diese Zahlen einschätzen und einordnen zu können, müssen wir diese mit anderen Stadtbahn- aber auch SPNV-Projekten wie Streckenreaktivierungen vergleichen. Projekte, für die Fahrgastzahlen für den Systemwechsel Bus auf Schiene ausgewiesen sind, sind selten. Daher werde ich auch Projekte betrachten, bei denen eine Angebotsumstellung SPNV auf SPNV oder SPNV auf Stadtbahn stattfand.

Umstellung Bus auf Bahn

  • Schönbuchbahn in BW: Reaktivierung einer für den Personenverkehr stillgelegten Bahnstrecke mit einem 30 Minutentakt durch die anliegenden Landkreise, Finanzierung des Betriebs über Zweckverband. Die Strecke übertraf immer wieder die prognostizierten Fahrgastzahlen und wurde zwischenzeitlich elektrifiziert, zur Hauptverkehrszeit herrscht abschnittsweise ein 15 Minuten-Takt.
    Fahrgastzahlen
  • Inbetriebnahme Am Wegfeld der Straßenbahn Nürnberg: Verlängerung der Straßenbahn von Nürnberg-Thon zur neuen Wendeschleife "Am Wegfeld"
    • Prognose 2025: 7.500 Fahrgäste/Tag
    • Mai 2017 (5 Monate nach Inbetriebnahme): 7.200 Fahrgäste
      Quelle: nordbayern.de

Angebotsumstellung Bahn auf Stadtbahn

  • Aufnahme Wörth-Germersheim in die Stadtbahn Karlsruhe, Angebotsumstellung Vollbahn auf Tram-Train
  • Pilotstrecke der Citybahn Chemnitz, Umstellung von Vollbahn auf Tram-Train, Durchbindung ins Stadtzentrum.
    Fahrgastzahlen:
    • 1998: 425; Vorlaufbetrieb mit Dieseltriebwagen
    • 2002: 816; Inbetriebnahme als Tram-Train und Durchbindung ins Straßenbahnnetz
    • 2008: 4192; insgesamt +886% Fahrgäste
      Quelle: [ApS_SLS_2010, S. 52 - S. 53]

Angebotsumstellung Bahn auf Bahn

  • Regiobahn in NRW: Infrastrukturausbau und Angebotsverbesserung auf einer von der Stilllegung bedrohten Bahnstrecke in NRW, Einführung eines 20-Minutentaktes im S-Bahn-ähnlichen Verkehr mit Dieseltriebwagen, Betrieb als S28 der S-Bahn Rhein-Ruhr.
    Steigerung der Fahrgastzahlen 1998 --> 2000 --> 2014 --> 2020: 512 --> 12.000/+2.200% --> 23.000/+4.392% --> 23.000/+4.392%. 
    Die Fahrgastzahlen stagnieren seit 2014, da die Kapazität der P&R-Parkplätze und der Fahrzeuge erreicht ist.
    Quellen: [Regiobahn_FGZ_2024], [ApS_SLS_2010, S. 38 - S. 41]

 

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Reaktivierungs- und Stadtbahnprojekte zu erheblichen Fahrgaststeigerungen geführt haben. Die prognostizierten Werte wurden regelmäßig übertroffen oder vor dem Prognosejahr erreicht.

Beeinträchtigung der Fahrgastzahlen durch Corona und Home Office

Kritiker führen an, dass sich die Einführung der StUB nach Corona und der stärkeren Verbreitung von mobilen Arbeiten und Home Office nicht mehr lohnt. Die Fahrgastzahlen wären mittlerweile deutlich geringer.

Tatsächlich gab es vor allem durch Corona einen "Knick" in den Fahrgastzahlen. Jedoch lagen die Fahrgastzahlen 2023 bereits nur noch 5 bis 10% unter dem Vor-Corona-Niveau [VDV_ÖPNV-Bilanz_2023, S. 6],[Lok-Report]. Im VGN lagen die Fahrgastzahlen bereits 2022 nur noch 8% unter dem Vor-Corona-Niveau [Artikel des BR].

Die VAG hat für 2023 auf den U-Bahn-Linien einen Fahrgastrekord vermeldet. Sie lagen über dem Niveau von 2019.[vag.de]

 

Der Home Office-Anteil von deutschen Angestellten ist bereits während der Corona-Zeit 2022 wieder rückläufig gewesen [Destatis_2023], viele Unternehmen schränken das mobile Arbeiten und Home Office durch Präsenzpflichten ein (tagesschau.de)

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Bewertung und Fazit

Die Kritik, dass die Fahrgastzahlen der StUB zu hoch angesetzt werden, ist nicht nachvollziehbar. Weder gibt es einen großen Fahrgastrückgang durch Home Office oder mobiles Arbeiten, noch sind die Zahlen zu hochberechnet. Der Vergleich mit anderen Projekten zeigt, dass die Fahrgastzahlen abschnittsweise realistisch, an anderen Stellen eher zu niedrig angesetzt sind. Die vergleichsweise niedrigen Fahrgaststeigerungen können jedoch auch darauf zurückzuführen sein, dass bei der verwendeten Quelle nur die Querschnittsbelastung des StUB-L-Netzes, jedoch nicht des Busnetzes angegeben ist.

 

Änderungen in diesem Faktencheck

Datum Beschreibung der Änderung
24.04.2024 Fahrgastrekord der U-Bahn Nürnberg ergänzt